Stolpersteine in Rotenburg an der Fulda

Seit Mai 2010 „stolpern“ die Bürger ebenso wie die Besucher der Stadt Rotenburg über kleine quadratische Steine. In Messing gestanzt, mahnen ein Name, ein Geburtsjahr, ein Todesdatum, die jüdischen Menschen nicht zu vergessen, die während der NS-Herrschaft gewaltsam zu Tode kamen.

Das Stolpern bleibt ohne Gefahr für Leib und Leben. Man fällt nicht hin, man stolpert vielmehr mit dem Kopf und dem Herzen. Man stolpert gedanklich über ein menschliches Schicksal. 

Verbeugung vor den Opfern

Dem Argument, jüdische Opfer würden wieder mit Füßen getreten, hält Gunter Demnig, der Künstler, der die Steine verlegt, entgegen: „Wer die Inschriften lesen will, muss sich herabbeugen - auf diese Weise verbeugt er sich zugleich vor den Opfern.“  

Einheimische und Gäste, Alteingesessene und Neubürger, Junge und Betagte, Heimatkundige und solche, die ein erstes Interesse an früheren Geschehnissen und der Geschichte der Stadt und deren Menschen verspüren, können die verschiedenen Stationen abschreiten, an denen „Stolpersteine“ verlegt sind. 

Biographische Skizzen geben Einblicke in ihr Leben vor dem Hintergrund ihrer Ächtung, Vertreibung und Ermordung durch die Nationalsozialisten.

Begegnung mit namentlich genannten Opfern

Die Personalisierung, die Begegnung mit einem namentlich genannten Opfer kann eine Nachfragehaltung wecken. Denn der Name, der in das Messingplättchen eingraviert ist, hat unmittelbar mit dem Ort der Verlegung zu tun. Mit dem kleinen Heft in der Hand kann man an den jeweiligen „Stolpersteinen“ verweilen und sich das konkrete Schicksal der Ermordeten vergegenwärtigen. Den Besuchern dieser Webseite ist die 64-seitige Broschüre zu den 43 Rotenburger Stolpersteinen, die 2010 und 2011 verlegt wurden, unter dem Titel IN MEMORIAM als Download kostenlos zugänglich. Als Ausdruck kann sie – ebenfalls kostenlos – bei der Rotenburger&Tourist-Info (tourist-info@rotenburg.de) oder auch beim Verfasser (h.i.nuhn@gmx.de) bestellt werden.

Durch die Begegnung mit den Einzelschicksalen erfahren die auf den Spuren der „Stolpersteine“ Gehenden von dem Leid, das sich hinter den wenigen Angaben auf den kleinen Steinen verbirgt.

Symbolischer Ersatz für Grabsteine

In der Summe bezeugen die „Stolpersteine“ die frühere Existenz von Menschen in dieser Stadt, die nicht nur physisch ausgerottet wurden, sondern nach dem Willen der Nationalsozialisten auch aus dem kollektiven Gedächtnis endgültig ausgelöscht werden sollten. Es gibt für sie keinen Grabstein, die Erinnerungssteine auf den Gehwegen sind ein symbolischer Ersatz. 

Als „blinkende Erinnerungen“ geben die kleinen Gedenksteine den Opfern ihre Namen zurück und zeigen, dass Geschichte vor der eigenen Haustür oder in direkter Nachbarschaft geschieht. 

Erinnerung wird wach gehalten

Es ist uns bewusst, dass die Steine allein  nur eine begrenzte Aussagekraft haben. Sie bekommen ihren Sinn erst durch die permanente und kritische Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus. 

Da bald keine Zeitzeugen mehr leben werden, helfen die „Stolpersteine“ den Nachgeborenen, die Erinnerung wach zu halten. Die Absicht der Mörder, mit der Vernichtung des Opfers zugleich auch die Erinnerung an seine Existenz auszulöschen, kann so zunichte gemacht werden.

Tod willentlich herbeigeführt

Auf den 43 in Rotenburg verlegten „Stolpersteinen“ wird durchgängig die Formulierung „ermordet“ benutzt: Sie wurde bewusst gewählt, auch wenn der Tatbestand aus strafrechtlicher Sicht möglicherweise anders benannt werden müsste. Auf jeden Fall aber waren die Genannten Opfer der unmenschlichen Lebensbedingungen, die ihnen aufgezwungen wurden. Ihr Tod wurde willentlich herbeigeführt und war das erklärte Ziel staatlicher Maßnahmen und staatlichen Handelns.

Vieles bleibt offen

Die Erforschung der Pläne der Machthaber, Deutschland „judenfrei“ zu machen, die Aufarbeitung der Praxis von SS, Gestapo, Ministerien, Ämtern, Behörden und ihrer Helfer in der Bevölkerung, aber auch der vielfältigen Versuche der Betroffenen, sich zu behaupten und zu überleben, ist in den letzten Jahrzehnten vorangeschritten. 

Inzwischen ist viel über die Lager und Ghettos bekannt, über die „Vernichtung durch Arbeit“ und die großen Mordaktionen. Über das konkrete Schicksal der unmittelbar aus Rotenburg oder nach ihrer Flucht in deutsche Großstädte von dort deportierten Juden bleibt jedoch nach wie vor vieles offen. 

Weder kennen wir die genauen Todesdaten aller Rotenburger Holocaustopfer, noch wissen wir genau, unter welchen Bedingungen sie die letzten Wochen oder Monate gelebt haben.

 

 

Ein Gang zu den „Stolpersteinen“ vermag einen Eindruck davon zu vermitteln, wie selbstverständlich die Rotenburger Juden mitten in der Stadt lebten, die sie als ihre Heimat ansahen.

Grauenhafte Erfahrungen, aber auch fruchtbares Miteinander

Jüdisches Leben im Fuldatal hat eine lange Tradition. Fast ebenso lang ist die Geschichte der Verfolgungen, ursprünglich gespeist aus christlichem Antijudaismus, der später bruchlos in Antisemitismus überging. 

Das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in unserer Stadt und unserer Region war in allen Zeiten schweren Belastungen und grauenhaften Erfahrungen ausgesetzt, es hat aber auch Phasen des fruchtbaren Miteinanders gegeben. Die lokale und regionale Geschichte ist von beidem in besonderem Maße geprägt; deshalb steht es uns gut an, auch diesen Teil unserer kollektiven Vergangenheit ins Bewusstsein zu rufen und präsent zu halten.

Schutzbrief von 1414 für Meyer und Sara

Seit dem ausgehenden Mittelalter sind Juden in Rotenburg an der Fulda verzeichnet. Der älteste erhaltene Schutzbrief, datiert 1414, gilt dem aus Frankfurt nach hier zugezogenen Juden Meyer und seiner Frau Sara. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es auf dem Rotenburger Hausberg eine Begräbnisstätte für Juden aus unserer Region. Als »beth chaim«, als Haus des Lebens, als »guter Ort«, wie speziell die hessischen Juden ihren Friedhof zu bezeichnen pflegten, ist er ein wichtiger Bestandteil der Topographie des Gedenkens und Erinnerns in unserer Stadt und ihrer Nachbarorte. 

1835 Mikwe, 1738 Synagoge, 1853 Schule mit zwei Lehrern

Schon 1738/39 erreichten die Rotenburger Juden den Bau einer Synagoge. In jener Zeit waren jüdische Händler aus Rotenburg eifrige Messebesucher in Leipzig, auch durch ihr Wirken fand unsere Region Anschluss an den kulturellen, zivilisatorischen und technischen Fortschritt. 

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Rotenburger Synagogengemeinde zu einer der größten jüdischen Kleinstadtgemeinden Hessens. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war jeder zehnte Rotenburger jüdischen Glaubens. Die 1853/54 in der Brotgasse errichtete Jüdische Schule war mit zeitweilig zwei Lehrern und bis zu 70 Schülern die größte Einrichtung ihrer Art in Kurhessen. Bereits 1835 war ein gemeindeeigenes rituelles Tauchbad (Mikwe), das den neuen Hygienevorstellungen genügte, eingerichtet worden. Bei der Gestaltung eines Stadtmodells für die Zeit um 1900 stießen wir auf 69 Häuser, die jüdische Besitzer und Bewohner hatten, im Verlauf der Jahrhunderte hat es hier an die einhundert Wohn- und Geschäftshäuser jüdischer Familien gegeben.

Im Jahr 2000 beschlossen die verantwortlichen Gremien der Stadt Rotenburg, das Haus, in dem sich das rituelle Tauchbad befunden hatte, zu restaurieren, um es zu einer Erinnerungs- und Begegnungsstätte auszubauen und es mit Unterstützung des Förderkreises, der mit dieser Zielsetzung angetreten war, als kleines jüdisches Museum einzurichten. So konnte der Weg des Erinnerns in aller Form und Konsequenz beschritten werden.

Keine Konflikte bei Stolpersteinverlegung

Wie bei der Einrichtung des Jüdischen Museums in der ehemaligen Mikwe erfolgte die Meinungsbildung in den städtischen Gremien auch bei dem Thema Stolpersteinverlegung zügig und konfliktfrei. Ebenso gab es keinerlei Einsprüche seitens der jeweiligen Hauseigentümer.

Verständnis für Minderheiten

Die Exponate der Geschichtswerkstatt in der Jakob-Grimm-Schule und des Jüdischen Museums in der ehemaligen Mikwe können den Verlust zumindest erahnen lassen, den unsere Stadt durch das Auslöschen ihrer jüdischen Minderheit erlitten hat. Deren Schicksal - so haben wir es auch in der Satzung des Förderkreises verankert - soll uns zu einem humanen und von Verständnis geprägten Umgang mit heutigen Minderheiten, anders Lebenden und anders Denkenden bewegen. 

Landauf, landab wird gefordert, dem Rechtsextremismus mit mehr Aufklärungsarbeit zu begegnen. Unser Bemühen soll ein Schritt auch in diese Richtung sein.

Reinigung von Schlacken der Vergangenheit

Im Nachwort zu meinem Buch über die Rotenburger Mikwe schreibt Avital Ben-Chorin, Nachfahrin der hiesigen jüdischen Familie Fackenheim und Witwe des großen Religionsphilosophen Shalom Ben-Chorin: 

„Die Aufgabe einer Mikwe ist die Reinigung von der Unreinheit. So glaube ich, dass auch diesem alten Tauchbad eine besondere Aufgabe zufällt: die Reinigung von den Schlacken der Vergangenheit.“ Und: „Hier kann, wie ich es erlebt habe, Wiederbegegnung geschehen, nunmehr einer neuen Generation.“ 

Nicht nur Archivmaterial

Zahlreiche solcher Begegnungen mit ehemaligen jüdischen Bürgern bzw. deren Nachfahren aus unserer Stadt und auch aus den Nachbarorten hat es in den vergangenen Jahren gegeben. Sie trugen mit dazu bei, dass die biographischen Darstellungen dieser Publikation nicht nur auf behördlichen Unterlagen und Archivmaterial fußen.

Wieder ein Platz in der Heimat

Niemand kann das Rad der Geschichte zurückdrehen und die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung rückgängig machen. Aber wir können durch Konkretisierung der Erinnerung den Menschen, die hier verwurzelt waren, wieder zu einem Platz in ihrer Heimat verhelfen.

Allen, die dies durch ihre moralische Unterstützung und ihren finanziellen Beitrag ermöglicht haben, gilt ein besonderer Dank.

 

Rotenburg an der Fulda, im Mai 2011

Heinrich Nuhn

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